Mittwoch, 8. Juli 2009
Fête de la Musique III: Unter den Augen des Reformators
An anderer Stelle hat OSKAR anklingen lassen, dass Genf eine Stadt des Geldes ist. Doch nicht nur reich an klingender Münze, auch im Hinblick auf Geschichte ist Genf eine reichhaltige Stadt. Und in gewisser Weise kommt beides zusammen: Der Reformator Calvin, ein Sohn der Stadt, der dieser Tage seinen 500. Geburtstag feiern würde, war zwar nicht unbedingt das, was man einen Lebemann nennen würde. Und auch seinen Zeitgenossen gönnte er nicht wirklich Spaß. Dafür aber predigte er nicht unerfolgreich die These, dass, wer nur fleißig genug arbeiten, vom Herrgott auch ordentlich entlohnt, sich die Mühsal mithin schon auf Erden in erheblichem Reichtum niederschlagen würde. (Mithin eine gute Religion für Großkapitalisten wie Investmentbanker, Großindustrielle und Co.!).

Nachdem sie zuvor das Konzert seines Mitbewohners besucht und ihnen beiden das gut gefallen hatte, schlenderten E. und OSKAR durch die Gassen und in den Park, in dem noch viele Menschen fröhlich lärmend beisammen waren und eine alles in allem sehr heitere Atmosphäre herrschte. OSKAR fühlte sich dabei gänzlich unbeschwert, denn die Frau mit den Augen und dem Blick, die sein Herz anrühren und seine Seele lächeln lassen ließ ihn seine Gedankenschwere vergessen.
Auf einer Bühne gigantischen Ausmaßes spielte eine Band Scottish/Irish Folk. Sie verband dies mit der Einladung, dazu zu tanzen. Inzwischen hatten die beiden noch andere Freunde von E. getroffen, und gemeinsam stürmten sie den Tanzboden. Wie die Teufel drehten sie sich umeinander, miteinander, ineinander. Allen stand das Lachen ins Gesicht geschrieben; hier zählte nicht das „Eins, Zwei, Drehung, Schritt, Zusammen, Abschluss-Schritt“ der Tanzschule! – OSKAR und E. fanden für zwei Tänze zusammen; nicht zappelnd, sondern als Paar tanzend, bei dem der Herr die Dame führt, was in diesem Zusammenhang wesentlicher steifer klingt als es sich dort auf dem Tanzboden tatsächlich anließ! Es waren zwei Tänze, die sie beide genossen haben. Es herrschte eine Spannung zwischen ihnen, großartiges, tiefes Verständnis und wohl auch für den Moment Einverständnis der Zusammengehörigkeit. - Für OSKAR war es, als drehten sie sich und die anderen Tänzer wären nur Staffage, die Welt um sie herum das Universum, dass sich um ihrer beider Mittelpunkt drehen würde. Später würden Freunde, aber auch andere Tänzer ihnen zulächeln, aufmunternd oder auch ein Kompliment für ein ‚schönes Paar’ abgeben… Weit davon entfernt…
Das Skurrilste an dieser Szene aber: die Bühne stand unter gewaltig großen Statuten der finster und Ehrfurcht gebietend dreinschauenden Reformatoren. Skurril deshalb, weil es ja just Calvin & Co. waren, die Tanz und Musik, wildes Treiben und Vergnügen zeitlebens wahrlich nicht billigten. Nun, in Stein gehauen und zur Untätigkeit verdammt, tummelten sich zu ihren Füßen Menschen, die ausgelassen das Leben und sich feierten – die in jeder Hinsicht starren Religionsmänner eher als Taschenablage und nette Kulisse für ihr Tun betrachteten. Dass die ehedem Wortgewaltigen nun auch noch in diversen und wechselnden Farbtönen illuminiert wurden, rundete das Ganze ab.

Den Rest der Nacht verbrachte OSKAR im Wesentlichen mit – warten. Er bewegte sich, was ihm zunächst nicht bewusst war, in und mit einem Tross von Unentschiedenen. Beständig wurde diskutiert, dass man noch andere Orte aufsuchen wollte, man den Plan aber jetzt ändere, diskutieren musste, welches Ziel das nächste sein sollte. Der Weg war hier das Ziel… OSKAR spürte ganz deutlich, dass dieser Satz auf ihn nicht unbedingt zutrifft. Es war ihm, als benötigte dieses Trüpplein feierwütiger, sich selbst blockierender Jungakademiker dringend Guidenance, Leadership. Mit einem Wort: Führung! Aber OSKAR, als Deutscher geschichtlich vorbelastet, was dies anlangt, konnte ja als Neuling und zudem einziger Deutscher in der Gruppe nicht diese Rolle auf sich nehmen und damit direkt sämtliche Klischees erfüllen! Folglich fügte er sich ins Schicksal und lernte, dass man sich zu zehnt zwanzig bis vierzig Meter vorwärts bewegt; diskutiert; feststellt, dass jemand fehlt; diskutiert, wer fehlt und wen man noch dazuladen könnte; telefoniert gefühlte 484.930 Mal (unverbindlich gewordene Welt!); wartet; geht wieder ein paar Schritte – und das Spiel beginnt von vorn. OSKAR fragte schließlich dann doch, warum sich nicht einfach am Zielort verabreden und dort dann treffen. – Die Antwort erfolgte durch praktische Anschauung: dass ein Ziel festgelegt wird/ist, heißt nicht, dass dieses auch tatsächlich aufgesucht wird. Vielmehr kann es im Zuge der Wegstrecke und infolge des 484.931 Telefonats zur Disposition gestellt werden. Auch, wenn man am vermeintlichen Ziel angekommen und (vorangeschrittener) Teil der Schlange desjenigen Musiketablissements ist, kann dies noch geändert werden – rudernd, drängelnd gegen ca. 230 Leute, die HINTER einem in der Schlange stehen. Die machen aber bereitwillig Platz, weil sich ihre Wartezeit extrem verkürzt. (Bei der Gelegenheit hat OSKAR übrigens festgestellt, dass es wohl wirklich stimmt, was er seinerzeit in der Grundschule lernte, wenn der Lehrer erklärte, dass die Vögel deswegen alle dicht beieinander auf den Stromleitungen sitzen, weil dies Wärmeschutz bietet. In so einer Schlange fröstelte ihn, eingeklemmt zwischen diversen Leibern, keineswegs. Eine andere Erfahrung: der gemittelte Schlangensteher in Genf scheint höchstens 1,78 groß; OSKAR überragte sie fast alle!)
Statt auch nur EIN EINZIGES anderes Ziel aufgesucht zu haben, fand sich die muntere Truppe nach unübertriebenen drei Stunden nach Verlassen der Reformatorenbühne in ihrem Studentenwohnheim ein. Er war müde und ihn fröstelte – die Freundin von E. war so nett, ihm Matratze, Schlafanzug und Bettdecke zu leihen und E. in ihr Bett zu nehmen. OSKAR hatte ein wunderbares Wochenende in Genf – fern der Schickeria – verlebt!

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