Dienstag, 10. September 2013
Umdrehungen
OSKARs OSKARINE hat gebacken. Pflaumenkuchen. Der ist lecker. Noch leckerer wird's, wird er mit Schlagsahne serviert und genossen. Als Nachtisch sollte es für beide gestern Abend Pflaumenkuchen mit Schlagsahne geben. Obschon müde und erschöpft nach einem langen Tag mühevoller Qual und Tat, mobilisierte OSKAR alle ihm noch verbliebenen Kräfte und machte sich daran, das weiße luftig-süße Schaumcremeetwas zuzubereiten. - Die OSKARINE telefonierte derweil. ER ist nach wie vor überzeugt, dass SIE garantiert (!!) ihre sonst nur höchst selten sich telefonisch meldende Freundin dazu gebracht hat, just zu dem Zeitpunkt anzuklingeln, da die Frage der Sahnezubereitung Thema wurde und damit auf den Tisch kam. Frauen können sowas per Telepathie. Das Telefonat jedenfalls dauerte ziemlich genausolange wie der Akt des Sahneschlagens.

Sahne in das dafür vorgesehene Sahneschlaggefäß gefüllt, die Rührbesen ordnungsgemäß im Sahneschlaggerät (gleicher Hersteller wie der des Sahneschlaggefäßes!) eingeführt und verankert. Hernach die Verbindung zum Stromkreis durch einstöpseln des Steckers hergestellt. Die Rührbesen taten dann auch wunderbar ihren Dienst, und aus der flüssigen Sahne wurde alsbald das, was schließlich zur Krönung des Kuchens gereichen sollte. Fluffig, nicht zu fest und schön süß: Dr. Oetker lässt grüßen.
Indem nun die fluffig-süße Masse im Becher war, galt es, das Gerät wieder sachgemäß ... - OSKAR weiß nicht recht, welches Wort hier korrekterweise zu verwenden ist; bei Atomkraftwerken heißt es in solch einem Fall wohl zurückbauen.
In froher und begeisterter Erwartung des verlockend duftenden Kuchens und der nachgerade perfekt geratenen Sahne war OSKAR indes unaufmerksam in seinem Tun. Der Rückbau des Geräts erfolgte daher nicht hundertprozentig sachgemäß. Die Quittung kam unmittelbar - bei Atomkraftwerken würde man von einem Super-GAU sprechen: indem er den Druckknopf zur Lösung der Rührbesen betätigte, um diese dem Ablecken, Abwasch und hernach der Zwischenlagerung zuzuführen, tat er dies motorisch ungenau und setzte die SCHEISSDINGER erneut in Aktion. Im Gegensatz zu einem Atomkraftwerk sind die wieder sofort voll in Aktion. Da die Rührbesen sich zu diesem Zeitpunkt bereits außerhalb des zum Schlagen der Sahne vorgesehenen Gefäßes befanden, waren sowohl er selbst als auch weite Gebiete der Küche dreidimensional mit dem Fallout der sich zunächst in großer Menge noch an den Rührbesen befindenen Sahne besprenkelt. Abzulecken hatte OSKAR hernach nichts mehr - er bevorzugte den Wischlappen zum Säubern der kontaminierten Gebiete, während er gepflegt und in bester westfälischer Manier vor sich hinfluchte hingrummelte.

Der Kuchen hat dann geschmeckt. Trotz des fetten Grinsens der OSKARINE!

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Dienstag, 6. August 2013
Herr Z. ist nicht mehr
Im Haus in der Straße in der Stadt am großen Fluss, in welchem OSKAR nun schon seit über zwei Jahren erfolgreich wohnt, gibt es acht Wohneinheiten. Wären die beiden "Einheiten" im Souterrain nicht, könnte man von Wohnungen sprechen. Da unten hat's allerdings eher Höhlencharakter. Dort wohnen Technofreak und Dr. Seltsam. Das wäre eine andere Geschichte.
Das Gegenstück zu Technofreak ist Herr Z.
Herr Z. wohnt schon länger hier als irgendjemand sonst im Haus. Auch der Vermieter weiß nicht, wann Herr Z. hier eigentlich eingezogen ist. Alleinstehend, rechtschaffen, gebückt vom Alter und schwer zu Fuß. Der kleine Mann war stets auf Achse; morgens verließ er das Haus früh, abends kam er häufig erst gegen 22.00 Uhr zurück. Das gleichmäßige Tok-tok seines Gehstocks kündigte ihn bei offenstehendem Fenster meist schon von Weitem an. Er war ein Charakter; nicht einfach, aber doch auf seine Weise liebenswürdig. Zudem war er es, der im Winter den Schnee wegräumte, die Mülltonnen an die Straße stellte und die Zwischenräume des Treppenhausgeländers mit einem Putzlappen sorgfältig vom Staub befreite. Hin und wieder bekamen die übrigen Hausbewohner eine verbale Abreibung, dass sie alles ihn machen ließen. Wie aber ihm verständlich machen, dass, wenn die Mülltonnen bereits um 14.00 Uhr von ihm an die Straße gerückt werden, die arbeitende und erst gegen 17.00 Uhr oder später heimkehrenden Werktätigen dann keine Chance mehr hätten...?!
Vor einem guten halben Jahr hatte Herr Z. in unmittelbarer Nachbarschaft einen Schwächeanfall; OSKAR und die Seine fanden ihn. Danach ging es beständig bergab. Obschon von ihm aufgrund dieses Zwischenfalls in den "Schutzengel"-Stand erhoben, konnten auch die beiden seinen rasch zunehmenden Verfall nicht mehr aufhalten. Bald darauf setzte ein Pendeln zwischen Krankenhäusern und Pfelgeheimen ein. Im Haus sahen und hörten wir nichts mehr. Herrn
Z.'s Angehörigen blieben trotz Nachfragen stumm. Er fehlte.

Jetzt ist Herr Z. gestorben. Eher zufällig erfuhren OSKAR und seine Nachbarn in der vergangenen Woche von seinem Tod: Die Angehörigen, zweifellos tüchtige Menschen und eifrig, teilten dies nicht als eigentliche Nachricht mit, sondern im Zuge der Nachfrage, wie der Vermieter zu erreichen sei, ob es möglicherweise Wohnungsinteressenten gebe - es sei schließlich schon viel zu viel Miete für die Wohnung gezahlt worden - , und dass sie nun sehr viel Arbeit mit dem Aufräumen hätten, weil er so unordentlich gewesen sei.
Letzteres erscheint zumindest fragwürdig. Bei einer nachgerade aufgenötigten Wohnungsbesichtigung zeigt sich, dass er ein Sammler war und ein Vorsorger (etwa 20 frisch verpackte Zahnbürsten, 30 kg Waschpulver und dergleichen mehr). Aber alles aufgeräumt und sortiert. Vielleicht war nicht alles blitzeblank geputzt; aber das ist's bei OSKAR auch nicht und zeugt doch vom Leben?!
Heute räumt ein "Entrümpelungsunternehmen" das Leben von Herrn Z. auf: der größte Teil an Fotoalben, Ansichtskarten, Garderobe, Nippes, Vorräten und all jenen anderen Dingen, die ein Leben materiell ausmachen, wird zusammen in einen großen grünen Container "Entsorgung und Verwertung von Abfall" geworfen. Ein Leben wandert auf den Müll.

Herr Z., wir werden Sie nicht vergessen!

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Mittwoch, 11. Juli 2012
Friedo Lampe: Das Gesamtwerk
In einem anderen Buch fanden sich von dessen Ich-Erzähler bewundernd vermerkt die Zeilen:

"Heute hat mich die Erinnerung an einen deutschen Schriftsteller überfallen: Er hieß Frido Lampe. [...] Frido Lampe. Am Rande der Nacht. Dieser Name und dieser Titel ließen mich an erleuchtete Fenster denken, von denen man den Blick nicht losreißen kann. [...] Frido Lampe war 1899 in Bremen geboren, im selben Jahr Ernest Bruder. [...] Der Politik stand er gleichgültig gegenüber. Was ihn interessierte, war, die Abenddämmerung zu beschreiben, die über dem Bremer Hafen herabsinkt, das weiß-lila Licht der Bogenlampen, die Matrosen, die Catcher, die Orchester, das Klingeln der Trambahnen, die Eisenbahnbrücke, die Dampfsirene und all die Leute, die in der Nacht einander suchen...".*

Im Antiquariat fand sich nun Frido Lampe - Das Gesamtwerk mit kurzen Geschichten, die er zu Lebzeiten veröffentlichen konnte als auch dem ein oder anderen aus seinem Nachlass. Es ist ein beachtliches Werk verschiedener Bücher, dessen Autor in ähnlicher Weise wie Irmgard Keun mit ihrem Das kunstseidene Mädchen eine Bestandsaufnahme liefert, das Leben beschreibt, seine Stadt in Worte fasst. Auf mitunter anrührende Weise dokumentiert es nicht, sondern nimmt seine Leser selbstverständlich einladend mit hinein in eine vergangene Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; gerade so, als lächele ein anderer Gast im Biergarten den Neuankömmling an, dabei auf den freien Platz neben sich klopfend und ihn einladend sich hinzuzusetzen. Kein großes Gewese, sondern Situationen und Augenblicke beschreibend, kurze - manchmal nur Stunden währende - Einblicke in Lebensabschnitte. Ob es sich hierbei nun um Fiktion handelt oder um nonfiktionales Erzählen, die Figuren erdacht oder an bestehende Personen angelehnt sind - es bleibt egal. Das Leben in seinen unterschiedlichen Ausprägungen für Bürgertum, Arbeiter, Frauen, Kinder oder Künstler, so wird rasch deutlich, ist hier eingefangen und "verwortet" worden. Die Personen treten dahinter zurück.

Ein wunderbares Stück Literatur eines leider fast völlig in Vergessenheit geratenen Autors.

(* Auszüge aus Patrick Modiano, Dora Bruder, München 2001, S. 104f.)

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